Sonntag, November 18, 2012

Read the Manual. (Catalyst's Shadowrun 20th Anniversary Edition)

Wie bei der Charakterbeschreibung zu der Troll-Ki-Adeptin Cookiemonster kurz angedeutet, gefällt mir Shadowrun 4e u.a. wegen diverser Regeländerungen bezüglich Würfelei und der Fertigkeitendarstellung besser als 2e und 3e. Leider ist die Charaktergenerierung abgesehen von der Übernahme der Beispielcharaktere (früher Archetypes) zeitaufwändig und erfordert durch das Kaufen von Fertigkeiten und Attributen viele Entscheidungen seitens der Spieler. Wer Entscheidungen zu treffen üben möchte, kann das hier tun. Das aus 2e bekannte Prioritätensystem ist in dem optionalen Regelband Runner's Companion vorgestellt. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Darum soll es hier allerdings nicht gehen.
Die 20th Anniversary Edition von Catalyst Game Labs steht bei mir im Regal. Bisher nahm ich den Band zur Hand, um in den Regeln zu schmökern, bis ich heute morgen erneut ins Regal griff und das Buch als Buch zu lesen begann.
Von vorne.
Ohne abschnittweise zu selektieren.
Und das war eine gute Entscheidung.

Read the Manual

Es gibt einen guten Grund, weshalb man eine (gut geschriebene und aufgebaute) Anleitung von vorne bis hinten lesen sollte. Auch dann, wenn man bereits gefühlte Hundert solcher Anleitungen gelesen hat. Man neigt doch zu der Annahme, schon sämtliche relevante Informationen und Zusammenhänge zu kennen und zu verstehen. Und dann beginnt man doch einmal wieder ein bekanntes Buch von vorne und stellt fest - man liest es heute ganz anders und entdeckt Sätze und einzelne bedeutsame Worte, die man zuvor überlesen hatte. Bei Romanen als Nachtlektüre mag die Vernachlässigung mancher Sätze geringe Konsequenzen haben. Beispielsweise bei Verträgen, Gesetzestexten, Liebesbriefen und Regelbüchern sieht das anders aus.

Kurzgeschichte

Catalysts 4e wird mit der Kurzgeschichte What is in Your Heart eingeleitet, die dem Leser einen Ausschnitt der Shadowrun-Welt zeigt und einen Einblick in das berufliche Leben einiger Shadowrunner gewährt. Insgesamt sind zwölf Kurzgeschichten dieser Art in dem durchweg farbig illustrierten und aufwändig gestaltetem Hardcoverband veröffentlicht.
Die Funktion einer solchen Kurzgeschichte sehe ich folgendermaßen: dem Leser wird vor seinem innerem Auge eine Szene evoziert, die er so und so ähnlich beim Spielen von Shadowrun selbst mitbestimmend erzählen und erleben kann. Es ist das Spiel, das sich viele Rollenspieler - auch ich - wünschen, derart gestalterisch an der Erzählung einer spannenden Geschichte teilzuhaben.
Die tatsächlichen Spielerfahrungen bleiben oft hinter den verfassten Geschichten wie What is in Your Heart oder den unzähligen beliebten Romanen und Filmen zurück. Und zwar zum einen weil es den Spielern an Erzähltechniken und Erzähltechnik fehlt und zum anderen weil das Spielsystem manche beschriebene fiktive Wirklichkeit nicht zuletzt. Das ist die Diskrepanz zwischen der Spielwirklichkeit, die vom Spielsystem definiert wird und der gewünschten Spielwirklichkeit, die kraft der Erzählung der Spieler geschaffen werden kann. Der Spielleiter hat gegebenenfalls zwischen beiden zu moderieren. Ich lese Geschichten in Regelbüchern u.a. in Bezug auf die Deckung der fiktiven Wirklichkeit mit den Möglichkeiten des Spielsystems. Und zwar weil mich schon bei der Dragonlance-Lektüre von Margaret Weis und Tracy Hickman das Gefühl beschlich, dass die Geschichten so ganz sicher nicht mit AD&D möglich gewesen wären. Aber vielleicht irre ich mich.

Die zahlreichen Erweiterungsbände werde ich mir wahrscheinlich nicht kaufen. Dazu fehlt eine entsprechende Spielrunde und andere Interessen haben mir eine höhere Priorität. Außerdem kann ich Spielmaterial sowohl alleine als auch mit Mitspielerin entwickeln.

Kurzes Fazit: Wer einen Einstieg in die Welt von Shadowrun sucht, dem kann ich die Lektüre (!) der 20th Anniversary Core Rules empfehlen.
Lesen, lesen, lesen.

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