Donnerstag, August 16, 2012

FATE hat mich ... und was macht es jetzt mit mir?

So ganz sicher bin ich mir noch nicht. Ich schmökere gelegentlich in der FATE-Rubrik auf Tanelorn, in den freien PDFs von FreeFATE und Malmsturm und versuche mir einen Reim darauf zu machen, ob mir FATE beim Rollenspiel mit Schwerpunkt Erzählung wesentliche und überzeugende Vorteile gegenüber z.B. Swords&Wizardry oder dem Saga-System bietet.

Soweit ich es verstanden habe, beteiligt FATE den Spieler durch bestimmte Spielprozesse an der Rollenspielerzählung und integriert entsprechende Regeln in das Spielsystem. (Erklärende Hinweise und derlei hilfreiche Kommentare sind willkommen.)

FATE bietet dem Spieler folgende Möglichkeiten, in die Erzählung einzugreifen:
  1. Er verändert die Situation und Spielwelt durch eine Handlung, die die Figur mit ihren Fertigkeiten (oder Aspekten) ausführt.
  2. Er verändert die Situation und Spielwelt durch das Schaffen von Fakten und Aspekten mittels Fertigkeiten der Spielfigur.
  3. Er verändert die Situation und Spielwelt durch das Schaffen von Fakten und Aspekten mit dem Einsatz eines FATE-Punktes.
  4. Er verändert die Situation und Spielwelt durch das Schaffen von Fakten und Aspekten mit dem Einsatz eigener Aspekte und FATE-Punkte.
Möglichkeit 1) ist in sämtlichen Rollenspielsystemen gegeben. Der Zauberer kann zaubern, jemand der Nähen kann, flickt Klamotten und wer angeln kann, der ist für den Fang des Abendessens zuständig. Ob eine Probe nötig ist, bestimmt der Spielleiter. Die meisten Handlungen, die im Rahmen der Fertigkeitsstufe liegen, können ohne Probe erfolgen, sofern sie nicht von besonderer Relevanz sind. Das ist, wie gesagt, Spielleiterentscheid.

Ich erlaube es Spielern oft, die Handlung ihrer Figuren bzw. die beabsichtigte Handlung selbst zu beschreiben. Als Spielleiter gebe ich entweder okay oder lasse eine Probe würfeln.
Will man Spieler am Erzählprozess beteiligen, dann müssen sie reden, erzählen, beschreiben. Das beginnt bei den Handlungen ihrer Figur und geht noch etwas weiter:

Möglichkeit 2) umfasst Fakten Schaffen (Declaration) und Einschätzung (Assessment). Ich bin mir nicht sicher, ob der Spieler hier entscheiden darf, welche Fakten geschaffen und welche Aspekte entdeckt werden. Der Spielleiter wird ein endgültiges Mitspracherecht haben. Meist wird eine Probe gefordert.

Diese Art von Fertigkeiteneinsatz kann auch mit anderen Regelsystemen umgesetzt werden. Meiner Ansicht nach hat das nicht mal etwas mit dem Fertigkeitensystem zu tun, sondern damit, ob die Spielerbeteiligung gewünscht, geübt und praktiziert wird. Als Spielleiter behalte ich mir ein Vetorecht vor, aber das Schaffen von Fakten und entdecken von Aspekten durch Spielererzählung nimmt mir einmal Arbeit ab und führt oft zu einer Bereicherung im Spiel, die nicht nur die Geschichte betrifft, sondern die Beteiligung und das Miteinander. Und nur als Randbemerkung: ich habe die Hypothese, dass hierbei das Thema Immersion eine Relevanz hat, die vielleicht übersehen wird. Dazu ein andermal mehr.

Die FATE-Regeln nennen zum Fakten Schaffen ein Erschweren der Fertigkeitsprobe, wenn drei Fragen jeweils mit Nein beantwortet werden.

Ich nehm mal nur zwei für das folgende an den Haaren herbeigezogene Beispiel.

Ist der Fakt spannend oder lustig? (+2 bei Nein) Zielt er auf eine heroische Aktion ab? (+2 bei Nein)

Wenn eine Figur ein Gasthaus betritt und mit der mäßigen (ungelernten) Fertigkeit Zechen den Fakt "Das Bier hier schmeckt gut" schaffen möchte, dann würde ich sagen: ist weder spannend noch lustig und auf eine heroische Aktion zielt das ganze auch nicht ab. Nun gut, man müsste den Gesamtzusammenhang betrachten. Von wo kommt die Figur, wo befindet sich das Gasthaus usw. Ich bin mir sicher, dass sich einiges dazu erzählen ließe.

Angenommen der Spielleiter beschließt, dass das zweifache Nein zu einer Probe Zechen gegen Großartig (+4) führt. Da sich bei den FATE-Würfel alles um die Null dreht, kann man davon ausgehen, dass die Figur mit Zechen Mäßig (+0) den Aspekt kaum schaffen und nutzen kann. Ich habe spaßenshalber mit FATE-Würfeln gewürfelt und das Ergebnis +, -, - , 0 erhalten: also -1. Sieht nicht gut aus.

Heißt das nun, dass das Bier dort nicht gut schmeckt? Mäßig schmeckt? Oder heißt es, dass der Aspekt nicht gefunden wurde? Heißt es, dass das Bier nicht schmeckt, die Figur aber so denkt, als würde es schmecken? Was denn nun?

Vielleicht wäre es aber am Spielleiter zu entscheiden, dass es sich dabei nicht um Fakten Schaffen handelt, sondern um Einschätzen, also um das Entdecken von Aspekten.
Aber mir geht es bei dem Beispiel um die Möglichkeit des Spielers, in die Geschichte einzugreifen.

Ich bin ja ein Freund von Spielleiterentscheiden und ich bin mir im Klaren darüber, dass der SL bestimmen könnte, dass das Bier nicht schmeckt. Ich kann mir vorstellen, dass in manchen Spielrunden eine rege Diskussion darüber starten würde, welches Bier schmeckt oder nicht. Vielleicht übertragen die Spieler die Diskussion auf ihre Spielfiguren, interagieren mit den Nichtspielerfiguren in dem Gasthaus und beginnen nicht nur ein Bier-Tasting, sondern erfahren noch nebenbei eine Menge anderer Informationen und entdecken neue Aspekte usw. Und das alles ohne, dass man Regeln zum Fakten Schaffen bräuchte.

Möglichkeit 3) erlaubt dem Spieler kleine Ergänzungen in einer gegebenen Situation durch den Einsatz eines FATE-Punktes. Gegenstände und Details können hinzugefügt (oder ausgenommen?) werden. Der Spielleiter entscheidet, ob er die Ergänzung erlaubt.

Vielleicht wäre das o.a. Bierbeispiel etwas für den Einsatz von FATE-Punkten. Der Spieler entscheidet, dass das Bier in diesem Gasthaus verdammtnochmal zu schmecken hat, weil die Figur nach einem anstrengenden Abenteuertag einkehrt und bei Abendessen, Bier und Kaminfeuer entspannen will. Ich würde da als Spielleiter kein Veto gegen einlegen und den FATE-Punkt dürfte der Spieler behalten, falls in einer FATE-Runde vorkäme.

Möglichkeit 4) erlaubt dem Spieler Aspekte seiner Figur mit dem Einsatz von FATE-Punkten zum Schaffen von Fakten zu benutzen.

Robert Rodriguez zeigt die Anwendung eines FATE-Aspekts in Once Upon a Time in Mexico mit der Figur Sheldon Jeffrey Sands (gespielt von Johnny Depp). Sands hat den Aspekt Mein falscher dritter Arm lenkt dich von der Knarre in meiner Hand ab. Vielleicht muss er dazu in besonders dramatischen Situationen auch einen FATE-Punkt einsetzen ...

Spieler erzählen

Es ist meiner Ansicht nach wichtig, dass die Beschreibung der Handlung teilweise Aufgabe des Spielers ist und der Spielleiter gegebenenfalls nach einer Probe entsprechend Konsequenzen beschreibt. Die Beschreibung des Spielers wird Details zum Spiel hinzufügen, die weiter verwendet werden können, so dass das Schaffen von Fakten und Aspekten hierin schon angelegt ist, ohne dass dies durch explizite Systemregeln festgehalten werden müsste.
Der Spielleiter ist mit seiner Beschreibung der Welt sowieso ständig am Schaffen von Fakten und Aspekten, die von Spielern genutzt werden können.
Der Spielleiter hat Vetorecht.

Ich begrüße den Ansatz von FATE, Spieler verstärkt in den Schaffenprozess der Rollenspielerzählung einzubeziehen und ein Regelsystem dafür zu bieten. Ich halte diese Spielereinbindung aber eher für eine Art, das Spiel zu leiten, so dass sie eigentlich systemunabhängig (aber spielleiter- und spielerabhängig) betrachten werden sollte.

Was mir bei FATE das Gehirn verrenkt ...

Es ging mir so mit Rolemaster und MERP, dass ich bei dem Systeme den Rundenablauf nicht krampffrei in meiner inneren Vorstellung abbilden konnte. Ich versuchte meine Spielweise und Handhabung von Runden aus anderen Systemen (Saga-System, Star Wars d6) auf Rolemaster zu übertragen und scheiterte.
Recht spät kam mir dann die (recht einfache) Erleuchtung, dass das Spielsystem zunächst die Spielwirklichkeit bestimmt und ich Annahmen über diese Spielwirklichkeit nicht aus dem Umgang mit anderen Spielsystemen machen durfte. D.h., die Runden laufen gemäß der Regeln ab und also bewegen sich Figuren im Kampf, wie die Regeln es vorgeben bzw. zulassen
Zurück zu FATE.

Vermögen als Fertigkeit.

Ein Spielsystem, das mich als Spieler verstärkt an der Erzählung teilhaben lassen soll und der Figur dann nicht erlaubt, bestimmte Ausrüstungsgegenstände zu besitzen, weil sie sie gemäß ihrer Fertigkeit Vermögen zu Beginn nicht kaufen kann? Darf sie sie denn überhaupt im Spiel kaufen oder braucht sie dafür Geschenke einer Mitspielerfigur, einen Nichtspielerfigurengönner oder muss sie einen FATE-Punkt einsetzen? Ich weiß es nicht.

Bei der Portierung der S&W-Figur Celestra auf FreeFATE konnte die Kriegerin zwar einige ihrer Fertigkeiten übernehmen (und teilweise stark verbessern), aber wie ich nach der Portierung und dem Verfassen jenes Artikels erkannte: ihre Rüstung und der Zweihänder müssen im Old School-Bereich liegen bleiben. Das verstand ich erstmal garnicht.

Wenn ich von vornherein eine FATE-Figur entworfen hätte, dann wäre es mir vielleicht nicht so aufgefallen bzw. ich hätte mir gedacht: "Nimmt sie halt zu Beginn einen Langdolch und eine olle Lederrüstung bis sie etwas besseres gestellt bekommt." Vielleicht ist ihr Anderthalbhänder und das Kettenhemd eine Leihgabe ihres Auftraggebers, der sie zur Erschließung einer Handelsstraße durch Goblinlandschaft angeheuert hat. Somit hat sie die Fertigkeit Vermögen nur Mäßig +0 und einen Teil ihrer Ausrüstung nur geliehen. Das kann ich mir im Rahmen der Abenteuergeschichte entsprechend schön oder plausibel reden. Aber es verwundert mich doch.

Vermögen wird durch den Fertigkeitenbezug bei FATE anders interpretiert als in anderen Systemen mit Goldmünzen oder Credits. Das mag gefallen oder nicht. Möglicherweise kommt es den Spielern (und dem Spielleiter) entgegen, wenn nicht mit Geldeinheiten herumgerechnet wird, sondern je nach Fertigkeit und Erfolg der Probe bestimmt wird, ob die Figur sich eine bestimmte Sache gerade leisten kann. Falls nicht, dann könnten immer noch Aspekte, FATE-Punkte o.ä. eingesetzt werden, um über Umwege an den Wunschartikel zu gelangen. Vielleicht entwickelt man eine spannende Geschichte daraus. Das halte ich für die kleinste Aufgabe.

Einen wesentlichen und überzeugenden Vorteil gegenüber meiner Spielweise mit anderen Systemen habe ich bisher nicht entdeckt.

Aber FATE hat mich noch. Und ich hab noch weitere Fragen an FATE.

Kommentare:

Karsten hat gesagt…

Ich hab mir erlaubt, im Forum zu antworten: http://forum.rsp-blogs.de/diskussion-und-kommentare/(mad-kyndalanth)-fate-hat-mich/

lars_alexander hat gesagt…

Besten Dank! Ich werde im Forum antworten.