Dienstag, August 07, 2012

Emotionen im Rollenspiel (Karneval der Rollenspielblogs)

Karnevalfrischling

Ich bin heute im rsp-forum über die Threads zum Karneval der Rollenspielblogs gestoßen. Das zugehörige Logo ist mir schon bei einigen Blogartikeln aufgefallen, ich konnte es allerdings nie zuordnen. Nun weiß ich etwas mehr und habe beschlossen, für den Monat August am Karneval teilzunehmen. Als Berliner hab ich (trotz Aufenthalts im Exil) wenig mit Karneval, Fastnacht oder Fasching am Hut. Für das Rollenspiel wage ich eine Annäherung.

Der diesmonatige Karneval steht unter dem Motto Emotionen im Rollenspiel und wurde initiiert von Tagschatten.

Was sind Emotionen?

Die erste Frage Was sind Emotionen? lässt sich u.a. philosophisch, psychologisch und spielerisch betrachten. Als Philosophienebenfächler besuchte ich ein Seminar zu dem Thema, las entsprechende Literatur und sowohl in Psychologieseminaren, als auch solchen der Musikwissenschaft im Zusammenhang mit Musikpsychologie wurden Emotionen thematisiert. Die Perspektiven waren unterschiedlich und offensichtlich war die Begriffsbildung bzw. Definition der verwendeten Begriffe je nach Perspektive und wissenschaftlichem Teilgebiet verschieden. (Das sollte niemanden wundern.)

Eine Zusammenfassung will ich an dieser Stelle nicht wagen. Ich weise nur darauf hin, dass sich neben dem obligatorischen Suchen im Netz ein Ausflug in eine nahegelegene Bibliothek (das sind die Gebäude, die in Rollenspielabenteuern voller Geheimnisse sind ...) lohnt und man sich als interessierter Rollenspieler in das Thema einlesen kann.

Es geht zunächst um die fragende Erörterung des Gesprächsgegenstandes. Wenn man die begonnen hat, kann man einigen Ärger und etwaige Mißverständnisse vermeiden. Und Fragen stelle ich:

Was fühle ich? Was empfinde ich? Was nehme ich wahr?

Es ist eine Achtsamkeitsübung und eine sprachliche Ausdrucksübung, diese Fragen zu beantworten. Zum einen sich Empfindungen bewußt zu machen und hier vielleicht schon zwischen achtsamem Fühlen und nicht-achtsamem zu unterscheiden und zum anderen einen sprachlichen Ausdruck zu versuchen und dabei zu erfassen, dass eindeutige Äußerungen über Gefühlzustände, Eindrücke der Wahrnehmung und dergleichen nicht einfach zu machen sind.

Wir erleben tagtäglich verschiedene Zustände unserer Wahrnehmung und unseres Bewußtseins, fühlen uns mal gut, mal müde, mal wach, mal traurig. Sind mal aufmerksam, mal überreizt. Jeder wird beim Lesen dieser beschreibenden Adjektive Erinnerungen an ähnliche Zustände abrufen können.

Gefühl oder Emotion?

Wenn über Emotionen gesprochen wird, dann wird in der Alltagssprache oft auf Gefühle verwiesen. Dass Emotion und Gefühl auch in der Alltagssprache nicht identisch gebraucht werden, zeigt dieses fragende Beispiel:
Ist mit "Ich fühl mich krank." ein Ausdruck einer Emotion gemeint? Oder der Ausdruck einer körperlichen Wahrnehmung? Es scheint leicht anzunehmen, dass der Ausdruck auf ein Gefühl hinweist. Denn man könnte sagen: "Ich habe das Gefühl, krank zu sein." Man würde dagegen nicht sagen: "Ich habe die Emotion krank zu sein." Das Gefühl deutet hier auf Gefühltes, auf Wahrgenommes hin und nicht auf solche Zustände, die Emotionen genannt werden.
Man könnte sagen "Ich fühle mich wütend." und auch "Ich habe das Gefühl, dass ich mich schäme." In diesen Fällen macht man nicht nur deutlich, dass man wütend ist oder sich schämt, d.h., die Emotionen Wut und Scham hat, sondern, dass man sich dieser Zustände bewußt ist und deren Wahrnehmung äußern kann.

Gelegentlich hört man Vorurteile wie "Höhlentrolle können nicht über ihre Gefühle reden." Warum wird dieses Vorurteil angenommen? Und was bedeutet es denn, über Gefühle zu reden? Und welche sind die Gefühle, über die da geredet werden soll? Und welche sind die Gefühle, über die da nicht geredet werden kann? Ich denke, dass beide voneinander unterschieden werden können (und müssen).
Das Vorurteil gegenüber Höhlentrolle - momentmal. Ich möchte an dieser Stelle daraufhinweisen, dass ich äußerst gerne eine Illustration oder einen Cartoon zu Höhlentrollen und ihren Gefühlen und/oder Emotionen anfertigen würde. Leider habe ich seit einer Weile kein funktionierendes Grafiktablett und muss daher auf einen alten Comic zurückgreifen, den ich mit neuem Text versehe. Allerdings ist darin kein Höhlentroll abgebildet, sondern ein Abominable Snowman (ein Yeti oder Schneemensch.) Der alte Comic ist auf meinem Kein Künstler-Blog erschienen. Weitergehts.

Tief im Inneren des abscheulichen Schneemenschen ...
Gefühle, die er zu äußern nicht in der Lage ist, 
weil die Worte dazu nicht auf seine Zunge gelangen.

Das Vorurteil "Schneemenschen können nicht über ihre Gefühle reden." schließt zumindest nicht aus, dass Schneemenschen Gefühle haben. Sie haben wohl welche, können allerdings nicht darüber reden. Können sie ganz allgemein nicht darüber reden oder haben sie bisher nur nicht in Anwesenheit bestimmter Personen, die zu dem o.a. Vorurteil gekommen sind, über ihre Gefühle gesprochen oder waren dazu, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage?
Der Comic zeigt ein typisches Szenario für Schneemenschen. Zwei bewaffnete Krieger suchen ihn auf, um ihn mit einem Gerücht zu konfrontieren, dass eine Allgemeinheit ihm unterstellt, er könne nicht über seine Gefühle reden. So unter Druck gesetzt, gelangen ihm die Worte nicht auf die Zunge. Warum kann er nicht über seine Gefühle sprechen? Nehmen wir mal an, zuhause in seiner Höhle kann er das ohne große Probleme. In der beschriebenen Situation aber sieht er sich zwei bewaffneten Kriegern gegenüber, die ihn spottend herausfordern. Es geht ihnen sicher nicht um einen Kampf, so viel ahnt er, sondern um den Hohn. Der Schneemensch weiß nicht, was man (die Anderen) sich erzählt. Da er aber für sich alleine über alles mögliche reden kann, stört ihn das Bild, das die anderen von ihm zu haben scheinen oder von ihm haben könnten und das verunsichert ihn. Zudem bemerkt er, dass die beiden Krieger eine situative Schwäche ausnutzen. Er ist garnichtmal verärgert darüber. Viel schlimmer: er schämt sich.
Er empfindet das Gefühl der Scham. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen schämt er sich über die Gerüchte der Leute, denn er kann und will sich mit dem Vorwurf nicht identifizieren. Zum anderen merkt er, dass er genau in der Situation der Herausforderung nicht in der Lage ist, überhaupt über irgendetwas und schongarnicht über seine Gefühle zu sprechen. Damit sehen sich die Krieger mit ihren Vorurteilen bestätigt.
Scham ist eine Emotion, die nicht weniger stark aber alltäglicher ist als Angst. Der Schneemensch hat keine Angst vor den Kriegern. Er hat keine Angst, seine Gefühle auszusprechen. Er hat keine Angst davor, dass die Krieger ihn nun mit Geschichten über diese Begegnung lächerlich machen könnten. Das ist keine Angst. Er schämt sich.

Sehen wir mal von uns und Schneemenschen ab und betrachten Spielerfiguren.

Was fühlt, empfindet, nimmt die Spielfigur wahr?

Ich nannte diese Fragen Achtsamkeitsübungen und Übungen zum sprachlichen Ausdruck. Im Rollenspiel werden Phänomene der Wahrnehmung meist vom Spielleiter beschrieben: Der Holzboden, auf dem Rulgar sitzt, ist blank poliert, warm von der Sonne unter seinen Fingern und Füßen.
Die Spielleiter beschreibt Sinneseindrücke, die die Situation verdeutlichen sollen. Hier soll eine bestimmte Atmosphäre erzeugt werden, Eindrücke, die das Empfinden der Situation beeinflussen.
SL: Rulgar sitzt auf dem Holzboden einer überdachten Veranda, die Abendsonne scheint warm, Vogelstimmen sind aus leise raschelnden Baumwipfeln zu hören. Aus dem Hausinneren sind Küchengespräche seiner Gefährten zu vernehmen, die gerade mit dem Abwasch zugange sind. Sie haben einen abenteuerlichen Tag hinter sich, beobachteten einen Drachen im Wald, tauchten am Morgen im See und waren alten Geschichten über Geister, Flüche und Schätze auf der Spur. Nachdem Tagewerk brachten sie frischen Fisch und einen Hasen für die Abendmahlzeit zu ihrer derzeitigen Bleibe und Rulgar bereitete ein schmausiges Abendessen.

Da es im Rollenspiel oft darum geht, Dinge, Spielgeschehen und Handlungen von Figuren zu beschreiben, scheint es plausibel auch Gefühle und Emotionen von Spielfiguren beschreiben zu wollen. Ist das aber Aufgabe des Spielleiters oder des jeweiligen Spielers?

Welche Funktion haben die Beschreibungen von Gefühlen und Emotionen der Spielerfiguren?

In Gesprächen zwischen (Nicht-)Spielerfiguren kann es wichtig sein, Gefühle, Empfindungen, Wahrnehmungseindrücke und Emotionen zu erwähnen. "Ich spüre eine Erschütterung der Macht." Gibt Spielerfiguren in der Star Wars-Spielwelt zu verstehen, dass da ein Jedi (oder ein Verrückter) etwas wahrnimmt, das anderen verborgen ist. Das kann vom Spieler instrumentalisiert werden, um die Reaktionen von Mitspielerfiguren zu beeinflussen, ganz egal, ob der Jedi wirklich eine Erschütterung der Macht gespürt hat oder nicht.

Emotionen wie Wut, Trauer, Freude, Ekel und Scham können vom Spielleiter einer Figur auferlegt werden. Denn im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass wir uns nicht dazu entscheiden können Ekel oder Angst zu empfinden. Wir können lernen damit umzugehen, aber die Empfindung dieses Zustands mit entsprechenden Auswirkungen auf das Verhalten verschwindet nicht einfach.
Es macht daher wenig Sinn, von einem wütenden Schneemenschen zu fordern, er möge aufhören wütend zu sein. Vielleicht will er das sogar, kann es aber nicht einfach sein lassen. Wenn dann noch gefordert wird, er solle erklären, weshalb er wütend sei, schämt er sich noch wegen seiner Sprachlosigkeit.

Wie dem auch sei. Es geht in diesem Artikel um Überlegungen zu Emotion im Rollenspiel. Und ein weiterer Gedanke, der mir zu dem Thema kam, war das Auslösen oder Erinnern von Gefühlen und Emotion durch Erzählungen.
Mir scheint die Frage wichtig, ob (Rollenspiel-)Erzählungen Gefühle auslösen oder die Erinnerung an Gefühle wachrufen. Genauso mit Emotionen: Fühle ich die Emotion Furcht, wenn ich lausche, wie der Spielleiter die mörderischen Krieger beschreibt, die auf Rulgar zugestürmt kommen und er sich ihnen unbewaffnet und mit vollem Magen gegenübersieht? Erinnere ich (der Spieler) mich an Gefühle von Angst? Was geht dabei in mir vor? Und wie wirken sich meine inneren (und äußeren Zustände) auf die Reaktionen der Spielerfigur aus? Denn die Vorstellungen, die ich von der Spielsituation habe, beeinflussen meine Entscheidungen bezüglich der Spielerfigur.

Andererseits kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Emotionen wie Furcht und Angst bei Rollenspielern im Spiel ihrer Figuren wenig Berücksichtigung  zu finden scheinen. Sonst würden sie sie nicht so halsüberkopf in sämtliche Kämpfe, Kriege und Dungeons stürzen lassen.

Das spricht vielleicht dafür, dass Spieler mögliche Emotionen ihrer Spielerfiguren nicht nachvollziehen. Oder sie vollziehen sie nicht nach, weil sie erst garnicht beschrieben werden. Das mag in Horror-Rollenspielsystem anders sein, Das Schwarze Auge hat immerhin einen Mut-Wert, der für Furcht und Angst verwendet werden kann. Aber wie ist es mit Scham, Trauer und überhaupt - was ist mit Liebe?

Ich tendiere gerade dazu, dass zum einen Spieler aufgrund der eigenen Vorstellungen und des inneren Erlebens der Erzählung (ohne dass der Figur vom Spielleiter Emotionen auferlegt werden) zu eigenen Emotionen neigen und diese möglicherweise verwenden, um Handlungen ihrer Spielerfiguren zu bestimmen. Das hat meiner Ansicht mit Empathiefähigkeit zu tun, sich aufgrund von Erzählung in einen anderen hineinversetzen zu können. Und zum anderen scheint mir die Einbindung von Zustandsbeschreibungen (Gefühle, Wahrnehmung, Bewusstsein, Emotion usf.) wesentlich dafür zu sein, dass sie im Rollenspiel zur Wirkung kommen.
Ob man das für seine Spielrunde so einbinden möchte, ist eine andere Frage. Beim Schach fragt auch niemand nach, wie sich die Bauern gerade fühlen oder ob der König Angst hat. Also, ab ins Dungeon mit den Figuren und Drachen jagen.

Mir kommen immer mehr Fragen, aber die müssen etwas warten. Außerdem gibt es noch andere Blogger, die sich an diesem Karneval beteiligen. Die wissen vielleicht mehr.

So. Ich hab noch anderes zu tun.

Lektüre und Links

Miller, Alice. Du sollst nicht merken. Suhrkamp Verlag
Rizzolatti, Giacomo/ Sinigaglia, Corroda. Empathie und Spiegelneurone - Die biologische Basis des Mitgefühls. Suhrkamp Verlag/Edition Unseld
Emotion bei Wikipedia

Kommentare:

TheShadow hat gesagt…

Ich habs in die Karnevalsliste aufgenommen. Vielen Dank.

Grüße

lars_alexander hat gesagt…

Ich danke! :)